Vom Sitzplatz zur Dienstkarte: 19-Jähriger macht ICE zum Zuhause und wird Zugführer
19-Jähriger macht Hochgeschwindigkeitszug zum Zuhause und beginnt Karriere als Zugführer
Stuttgart – Während viele Deutsche die Bahn mit Frust verbinden, hat ein 19-jähriger Mann aus Schleswig-Holstein dem Zug einen neuen Daseinszweck gegeben: Für Lasse Stolley ist der ICE mehr als ein Verkehrsmittel, er ist Wohnraum, Arbeitsplatz und Lebensstil zugleich.
Die ungewöhnliche Entscheidung entstand nach einem zufällig gesehenen Fernsehbeitrag. Als eine geplante Ausbildung zum Programmierer 2022 nicht zustande kam, kaufte Stolley eine BahnCard 100 und tauschte eine feste Wohnung gegen rollende Waggons. Er organisiert seinen Alltag entlang der Strecken: Schlafen in der ersten Klasse, Wäsche improvisiert am Waschbecken, Körperpflege in Bädern an Bahnhöfen.
Hinter dem Konzept steht eine pragmatische Rechnung. Die Jahreskarte für unter 26-Jährige ersetzt Mietkosten, Nebenkosten und viele der alltäglichen Fixkosten einer Wohnung. Stolley hat sich einen Stammplatz im Ruhebereich reserviertähnlichen Bereich geschaffen und schätzt die Ruhe, die er dort findet. Statt eines Balkons gibt es Aussicht auf Meer und Berge in wechselnden Etappen.
Beruflich hat sich der junge Mann inzwischen etabliert: Nach einem Einstieg im Fahrgastservice bei einem privaten Bahnunternehmen begann er 2025 eine Ausbildung zum Zugführer und ist seit 2026 im Dienst. Auch privat lief es positiv: Seine Partnerin lernte er in einer Lounge am Bahnhof kennen. Die Beziehung lebt von kurzen Treffen unterwegs und der Akzeptanz eines mobilen Alltags.
Alternative Wohnformen im Zeichen knapper Budgets
Die Geschichte Stolleys ist ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Immer mehr Menschen denken über alternative Wohnformen nach, von Daueraufenthalten auf Kreuzfahrtschiffen bis zu temporären Leben an Verkehrsknotenpunkten. Manche wählen diese Wege aus Abenteuerlust, viele aus wirtschaftlicher Not. Die Erzählung eines jungen Mannes, der den ICE zum Zuhause machte und zugleich eine berufliche Perspektive fand, steht exemplarisch für den Pragmatismus junger Erwachsener in einem angespannten Wohnungsmarkt.
Ob dies für andere ein Vorbild ist, bleibt offen. Für Stolley hat die Entscheidung zur BahnCard 100 sein Leben grundlegend verändert: Aus einem unsicheren Anfang wurde ein Alltag auf Schienen und eine klare berufliche Perspektive.

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