Pünktlichkeit als Kulturgut: Was die Deutsche Bahn von den Schweizer Bundesbahnen lernen kann
Konsequente Planung und Reservekonzepte sichern Zuverlässigkeit
In Deutschland sind Zugverspätungen Alltag, in der Schweiz sind sie nahezu eine Ausnahme. Im Gespräch mit MDR AKTUELL erklärt Marino Grisanti, Leiter Pünktlichkeit bei den Schweizerischen Bundesbahnen SBB, welche Elemente hinter dem scheinbar mühelosen Erfolg stehen und welche Lehren sich daraus für Deutschland ziehen lassen.
Die SBB erreicht Pünktlichkeitswerte, die nahe an hundert Prozent liegen, während die Deutsche Bahn im vergangenen Jahr bei rund siebzig Prozent lag. Für Grisanti ist das Ergebnis kein Zufall, sondern das Produkt jahrelanger Arbeit: «viel Energie, viel Engagement von allen Mitarbeitern» und eine systematische Weiterentwicklung seit den frühen 2000er-Jahren. Ein schneller Sprung sei nicht möglich; vielmehr brauche es Zeit, Kontinuität und Geduld, um eine verlässliche Betriebsstruktur aufzubauen.
Zwei konkrete Faktoren stechen hervor. Erstens: Pünktlichkeit gilt in der Schweiz als Teil der Arbeitskultur. Zweitens: technische und organisatorische Ausgleichsmechanismen wie sogenannte Dispozüge. Diese Reservezüge stehen bereits an der Grenze mit einem Lokführer bereit und werden kurzfristig eingesetzt, wenn ausländische Züge verspätet sind. Dort, wo Baustellen oder Sperrungen auftreten, sorgen Ausweichstrecken und moderne Tunneltrassen wie Lötschberg und Gotthard für flexible Umleitungen.
Organisatorische Details spielen eine unterschätzte Rolle. Grisanti weist auf einfache, aber wirkungsvolle Aspekte hin, etwa die richtige Türbreite oder ausreichende Kapazität, die das Ein- und Aussteigen beschleunigen. Solche Details können unmittelbar Pünktlichkeitswerte beeinflussen.
Zur Lage in Deutschland hat eine Taskforce des Bundesverkehrsministeriums 22 Maßnahmen vorgeschlagen. Beispiele sind Joker-Gleise für kurzfristige Umleitungen, größere zeitliche Abstände an Verkehrsknoten, Pufferzeiten auf ausgewählten Strecken ab 2027 sowie die Digitalisierung der Betriebsabläufe, etwa digitale Fahrbefehle statt telefonischer Anweisungen. Mehr Personal soll zudem beim schnelleren Ein- und Aussteigen helfen.
Grisanti betont, dass es kein magisches Rezept gebe: «Es braucht Zeit, Energie und Geduld.» Die Bilanz der Schweiz zeigt jedoch, dass ein System aus Kultur, technischer Infrastruktur und operativer Redundanz Pünktlichkeit nachhaltig verbessern kann. Für Deutschland bedeutet das: gezielte Investitionen, operative Reserven und eine langfristige Strategie, die über kurzfristige Ad hoc-Politik hinausgeht.
Insgesamt sei der Weg anspruchsvoll, aber machbar. Wenn Planung, Personal und Infrastruktur zusammenspielen, lassen sich viele Ursachen für Verspätungen reduzieren und die Verlässlichkeit des Schienenverkehrs deutschlandweit verbessern.

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