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Ein Jahr im ICE als Zuhause: Wie ein 19-Jähriger Arbeit und Liebe auf den Gleisen fand

04. Mai 2026

Junger Lokführer macht ICE zum Zuhause und findet Beziehung unterwegs

Stuttgart – Für die meisten Reisenden ist der ICE ein Transportmittel. Für Lasse Stolley wurde er zur Wohnung, zur beruflichen Chance und zuletzt sogar zur Bühne einer zarten Beziehung. Der 19-Jährige aus Schleswig-Holstein lebt seit Jahren weitgehend im Fernverkehr und arbeitete sich vom Fahrgastservice bis zur Zugführerlaubnis hoch.

Aus einer zufälligen Fernsehszene entstand vor Jahren die Idee, die feste Adresse gegen rollende Waggons zu tauschen. Als ein Ausbildungsplatz im Programmierbereich nicht zustande kam, schnappte er die Gelegenheit und kaufte eine BahnCard 100 in der ersten Klasse. Die Rechnung wirkt pragmatisch: Mietkosten, Nebenkosten und Kautionszahlungen entfallen, stattdessen werden Schlafplätze in Ruhebereichen, Waschbecken und Bäder entlang der Routen zum Alltag.

Stolley beschreibt seinen Tagesablauf nüchtern und routiniert. Morgens ein Platz im Ruhebereich, unterwegs Kleidung waschen, Körperpflege in Hallenbädern und die Routine, immer wieder neue Bahnhöfe zu sehen. Aus einem anfänglichen Experiment wurde bald ein regulärer Job: 2025 begann er im Fahrgastservice eines privaten Unternehmens und absolvierte anschliessend die Ausbildung zum Triebfahrzeugführer. Seit 2026 fährt er hauptberuflich.

Privat hat das Leben auf Schienen ebenfalls Spuren hinterlassen. Eine Begegnung in einer Lounge führte zu einer Beziehung, die weniger auf gemeinsame Wohnungen als auf wiederkehrende, kurzen Treffen beruht. Gespräche am Bahnsteig, kurze Küsse auf der Durchreise, gemeinsame Stunden in Städten, die beide auf Routen durchqueren – für das Paar funktionieren diese Arrangements offenbar trotz der Unbeständigkeit.

Die Geschichte ist keine bloße Kuriosität. Das starke Interesse an alternativen Wohnformen reicht weiter: Manche Menschen leben dauerhaft an Bord von Kreuzfahrtschiffen, andere verbringen lange Zeit in Flughafenterminals. Doch während Kreuzfahrtanbieter mittlerweile gezielte Angebote für Langzeitgäste schaffen, bleibt das Leben im Fernverkehr ungewöhnlich und verlangt viel Organisation, Flexibilität und den Verzicht auf Privatheit.

Stolley selbst betont den praktischen Nutzen seiner Entscheidung. Die BahnCard, die er nutzt, ist teuer, aber rechnet sich für ihn angesichts eingesparter Fixkosten. Trotzdem räumt er ein, dass das Leben auf Rädern Kompromisse bedeutet: wenig Stauraum, keine Küche, und die permanente Nähe zu wechselnden Orten. Für ihn überwiegen Freiheit und Mobilität.

So bleibt die Geschichte eines jungen Mannes, der eine Infrastruktur, die für viele Frust bedeutet, als Zuhause deklariert hat und darin sowohl eine berufliche Zukunft als auch eine Liebesbeziehung gefunden hat. Seine Wahl stellt die Frage, wie flexibel und mobil Leben in einer vernetzten Gesellschaft heute sein kann.

Der Bericht stützt eine Nachricht von: fr.de

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