Zwischen Verspätung, Angst und Gewalt: So sieht der Alltag regionaler Lokführer aus
Verspätungen, Unsicherheit und zunehmende Gewalt prägen den Dienstalltag
In Südbayern erleben Lokführer und Zugpersonal immer öfter, wie betroffene Fahrgäste ihren Frust unmittelbar an der Belegschaft auslassen. Andreas, 53 Jahre und seit Jahrzehnten im Regionalverkehr tätig, spricht offen über die Belastungen, die hinter den Gleisen liegen. Er bittet um Anonymität, weil er um seinen Arbeitsplatz fürchtet und seine Familie schützen will.
Andreas erzählt, wie Termine stets mit großen Puffern geplant werden müssen: «Ein bis drei Stunden muss man immer irgendwo einplanen», sagt er. Verspätungen und Ausfälle zerren nicht nur an seiner Freizeit, sie belasten das Familienleben – wenn er nicht rechtzeitig zu Hause ist, springt seine berufstätige Frau ein. Die wiederkehrende Unsicherheit ist Teil des Jobs geworden.
Technischer Verschleiß und Personalmangel
Hinter den ständig wiederkehrenden Verspätungen stehen oft strukturelle Ursachen: Langsamfahrstellen wegen Gleismängeln, fehlende Reservefahrzeuge und verschobene Wartungen. Andreas berichtet von Streckenabschnitten, auf denen seit Jahren nur noch halb so schnell gefahren werden darf, weil Reparaturen aus Budgetgründen gestoppt wurden oder schlichtweg zu wenige Baufirmen verfügbar sind. Wenn ein Wagen ausfällt, steht nicht immer Ersatz bereit; Züge fahren einteilig und werden überfüllt.
Jobunsicherheit durch Betreiberwechsel
Regionalnetze wechseln zwischen verschiedenen Betreibern. Für viele Beschäftigte bedeutet das Angst vor Nichtübernahme und Lohndumping. «Es gewinnt der Günstigste», beschreibt Andreas die beobachtete Personalsparpolitik. Besonders die langjährig Beschäftigten fühlen sich bedroht, weil sie als teuer gelten. Die Folge sind Einsparungen, die sich direkt auf Service und Pünktlichkeit auswirken.
Belastende Einsätze und psychologische Hilfe
Der Umgang mit schweren Zwischenfällen gehört ebenfalls zur Arbeit: Personenunfälle kommen im Leben eines Lokführers vor, Andreas nennt drei solcher Ereignisse als statistischen Durchschnitt. Unternehmen wie BRB, Arverio oder DB Regio bieten Betroffenen nach solchen Einsätzen psychologische Unterstützung und Begleitung an. Andreas selbst hat Hilfe angenommen und beschreibt, wie wichtig ein stabiler familiärer Rückhalt dabei ist.
Mehr Aggressionen gegen Zugpersonal
Die Lage verschärft sich durch zunehmende Aggressionen gegenüber Mitarbeitenden. Laut einer Umfrage der Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaft haben acht von zehn Zugbegleiterinnen und Zugbegleitern bereits körperliche oder verbale Übergriffe erlebt. Der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter Anfang 2026 verstärkte die Forderungen nach mehr Schutz, etwa durch flächendeckende Doppelbesetzung beim Fahrpersonal.
Während einige Betreiber punktuell Personalverstärkungen bei Großereignissen testen und DB Regio Bayern Pilotprojekte zur Doppelbesetzung startet, fehlt häufig eine dauerhafte, finanzierte Lösung. Für viele Beschäftigte wie Andreas steht das Thema Sicherheit hinter Kostenerwägungen zurück. «Es geht nicht um Sicherheit, es geht nicht um Menschenleben, es geht nur um Geld», sagt er frustriert.
Was jetzt nötig wäre
- Nachhaltige Investitionen in die Infrastruktur, damit Langsamfahrstellen abgebaut werden und Pufferzeiten wieder realistischer kalkuliert werden können
- Verlässliche Personalpolitik bei Betreiberwechseln, die Beschäftigte nicht zum Sparpotenzial degradiert
- Konsequente Schutzkonzepte für Zugpersonal, inklusive bedarfsgerechter Besetzung und verbindlicher Finanzierung
Für Andreas bleibt sein Beruf Berufung, doch er macht klar: Ohne strukturelle Verbesserungen gefährden Verspätungen, Personalmangel und steigende Aggressionen nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern auch die Sicherheit und die Attraktivität des Bahnverkehrs für alle.

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