Deutsche Bahn zwischen Baustellen und Konzernumbau: Pünktlichkeit als Prüfstein
Infrastrukturmängel und interner Reformdruck prägen die Pünktlichkeitskrise
Berlin. Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, zieht im Gespräch ein nüchternes Fazit: Die Züge könnten kurzfristig deutlich pünktlicher fahren, doch das ließe sich nur erkaufen, indem Bauarbeiten zurückgestellt und Verbindungen reduziert werden. Beides komme für sie nicht infrage, solange das Netz langfristig stabilisiert werden müsse.
Palla nennt unverblümt die Zahlen, die den Zustand des Schienennetzes erklären sollen: Ein Rekordjahr mit rund 28 000 Baustellen belastet den Betrieb massiv. Nach ihren Angaben entfällt etwa 80 Prozent der Verspätungsursachen auf die marode Infrastruktur. Personalmangel sei inzwischen kein zentrales Problem mehr, weil in den vergangenen Jahren kräftig in Recruiting und Ausbildung investiert worden sei. Die verbleibenden Ausfälle hingen häufig mit den gestörten betrieblichen Abläufen zusammen: Verspätete Züge verhindern pünktliche Bereitstellungen und Personalwechsel und führen so zu Kaskadeneffekten.
Gleichzeitig setzt Palla auf einen schnellen, sichtbaren Konzernumbau. Zu Jahresbeginn habe man bereits eine Führungsebene in der Konzernleitung reduziert; der nächste große Schritt sei für die zweite Jahreshälfte geplant. Konkrete Zahlen nannte sie noch nicht, weil das Konzept dem Aufsichtsrat und der Mitbestimmung vorgestellt werden müsse. Klar ist für sie jedoch, dass die Zentrale substanziell verkleinert wird und der Umbau mindestens 500 Millionen Euro Einsparungen pro Jahr erzielen soll. Diese Summe ergibt sich aus einem Mix von Sachkosten- und Personalreduzierungen sowie Sanierungseffekten in Geschäftsfeldern wie Fern- und Güterverkehr.
Die Sanierung von DB Cargo bleibt ein zentraler Punkt: Palla zeigte sich zuversichtlich, die Vorgaben zu erreichen, warnte aber auch vor externen Krisenfaktoren, die das Ergebnis belasten könnten. Verkäufe von Auslandsgeschäften würden dagegen keinen nennenswerten Beitrag zum Konzerngewinn leisten.
Ein wichtiger Schwerpunkt ihrer Arbeit sei ein Kulturwandel im Konzern. Palla fordert eine neue Leistungskultur, in der Leistung belohnt und strukturelle Schlamperei nicht länger toleriert werde. Operativ will die Bahn Pünktlichkeit greifbarer machen: Statt eines abstrakten netzweiten Durchschnitts sollen pünktlichkeitsrelevante Störfälle getrennt erfasst werden, um Verantwortungen für Infrastruktur, Fernverkehr, Regionalverkehr und Güterverkehr konkret zuordnen zu können. Monetäre Anreize sollen dann dafür sorgen, dass die maximal zulässige Anzahl solcher Störfälle nicht überschritten wird.
Bei Personalabbau und Beraterbudgets setzt Palla ebenfalls auf Eigenleistung: Der Konzernumbau werde grundsätzlich ohne externe Berater erstellt, punktuelle Unterstützung sei aber möglich, wenn spezifische Ressourcen fehlten. Bei DB Cargo und bestimmten Sanierungsbegleitungen bleibe externe Beratung dagegen bestehen.
Zur Frage des Wettbewerbs und neuer Anbieter wie Italo warnt Palla vor einer Überlastung der Hauptachsen. Sie plädiert für gleiche Rahmenbedingungen und verweist auf die Rolle der Bundesnetzagentur bei der diskriminierungsfreien Trassenvergabe. Kurzfristige Sonderregeln für einzelne Anbieter würden das Gesamtsystem gefährden und könnten in der Fläche zu einem schlechteren Angebot führen.
Palla gibt sich vorsichtig, wenn es um verbindliche Prognosen geht: Die Bahn habe in den vergangenen Jahren oft die Talsohle früher angekündigt, als sie tatsächlich erreicht war. Für 2026 erwartet sie ein weiteres schwieriges Jahr, da Witterungsereignisse und Baustellen das Betriebsgeschehen belasten. Gleichwohl will sie den Konzern schnellstmöglich wirtschaftlich stabilisieren und näher an die schwarze Null heranführen.
- Kerndiagnose: 80 Prozent der Probleme stammen aus der Infrastruktur
- Maßnahmen: Großes Programm zur Zentralstellenreduktion, mindestens 500 Millionen Euro Einsparung jährlich
- Kultur: Leistung muss sich lohnen, Pünktlichkeit operationalisieren
- Wettbewerb: Warnung vor Überlastung der Hauptachsen bei zu vielen neuen Anbietern
Die Debatte um Pünktlichkeit, Investitionen und Strukturreformen bleibt damit offen: Palla skizziert einen Weg, der kurzfristige Schmerzpunkte nicht ausspart, aber auf längere Sicht ein stabileres Netz und eine schlankere Organisation verspricht.